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DER FILM


Um in Deutschland Lehrer zu werden, muss nach dem theoriebeladenen Studium ordnungsgemäß das Referendariat absolviert werden. Eine Feuerprobe, welche die angehenden Lehrer in eine widersprüchliche Position bringt: Sie lehren, während sie selbst noch lernen. Sie vergeben Noten, während sie ihrerseits benotet werden. Zwischen Problemschülern, Elternabenden, Intrigen im Lehrerzimmer und Prüfungsängsten werden die Ideale der Anwärter auf eine harte Probe gestellt.

ZWISCHEN DEN STÜHLEN begleitet drei von ihnen auf ihrem steinigen Weg zum Examen. Der mehrfach preisgekrönte Dokumentarfilm gibt einen einfühlsamen wie humorvollen Blick hinter die Kulissen des Systems Schule und wirft dabei nicht zuletzt die Frage auf, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen.

Der Regisseur

+Über Jakob Schmidt
+Interview

Jakob Schmidt wurde 1989 in Würzburg geboren. Nach der Schule arbeitete er als freier Journalist. Sein Regiestudium an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf begann er im Alter von 20 Jahren als einer der jüngsten Studenten. ZWISCHEN DEN STÜHLEN ist nach mehrfach ausgezeichneten Kurzfilmen sein erstes Langfilmprojekt.

FILMOGRAFIE (AUSWAHL)

2015
GEWITTERZELLEN, Spielfilm, 30Minuten, RBB

- Nominierung Studio Hamburg Nachwuchspreis „Bester Mittellanger Film“
- Flensburger Kurzfilmtage, Publikumspreis
- Huesca Int. Film Festival, Honorable Mention
- Festival de Cine Alcalá, Publikumspreis

2012
NIMMERSATT, Spielfilm, 20 Minuten, Arte


2011
517 FÜWATOWN, Dokumentarfilm, 12 Minuten, RBB

- WDR kurz&schön Bester Kurzfilm
- Flensburger Kurzfilmtage, Nachwuchsförderpreis
- Aufführungen auf über 50 Festivals, TV‐Ausstrahlungen: BR, WDR, 3Sat, ZDF Info

2010
LIEBER WÄR‘ ICH MÖRDER, Dokumentarfilm, 20 Minuten

- Nominierung „Bester Mittellanger Film“, Visions du réel, Nyon

INTERVIEW MIT DEM REGISSEUR JAKOB SCHMIDT

Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Film über Lehramtsreferendare zu machen?

Ich hatte schon lange vor, einen Film über den Zustand von Schulen in Deutschland zu drehen. Vielleicht auch, weil ich selbst ein „Lehrerkind“ bin. Vor allem aber, weil ich mich selbst als Schüler unwahrscheinlich oft darüber geärgert habe. Auf der Suche nach einem spannenden Zugang zum Thema hat mich die schizophrene Perspektive, mit der angehende Lehrer während des Referendariats auf dieses verworrene System blicken, extrem fasziniert. Komprimiert auf einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren sind sie Schüler und Lehrer zur selben Zeit. Auf der einen Seite sind sie von Beginn an Autoritätspersonen, geben Noten, rechtfertigen ihr Handeln auf Elternsprechtagen – sie tun das, was wir von Lehrern erwarten. Auf der anderen Seite aber sind sie selbst dem System ausgeliefert. In denselben Klassenzimmern, in denen sie gerade noch genervt um Ruhe bitten, werden sie wenig später selbst im Unterrichten unterrichtet. Werden ihrerseits ermahnt, wenn sie zu laut tuscheln, müssen sich in Unterrichtsbesuchen den strengen Blicken ihrer „Lehrerlehrer“ stellen, ärgern sich über hundsgemeine Ausbilder und deren ungerechte Noten – und zittern vor der großen Abschlussprüfung, deren Ausgang darüber entscheidet, ob man jemals im Beruf wird arbeiten dürfen.

Wie lange habt ihr insgesamt an dem Film gearbeitet?

Die Vorbereitungszeit für das Projekt dauerte über ein Jahr, gedreht haben wir dann knapp drei Jahre. Das lag daran, dass die einzelnen Protagonisten ihr Referendariat nicht zeitgleich antraten und sich die Dauer der Ausbildung je nach Schulform auch unterschied. Im Schnitt saßen wir dann noch ein weiteres Jahr, um die über 300 Stunden Rohmaterial, die entstanden waren, zu bändigen. Ein ziemlich langer Zeitraum also. Von den fünf Protagonisten, die wir durch das gesamte Referendariat begleitet haben, sind letztendlich drei im fertigen Film gelandet.

Wie bist du an deine Protagonisten gekommen?

Nachdem wir die zuständige Berliner Behörde für das Projekt gewinnen konnten, stellte man uns ein förmliches Schreiben aus, das bei Schul- und Seminarleitungen darum warb, unsere Dreharbeiten aktiv zu unterstützen. Vorausgesetzt natürlich, wir fänden junge Lehrer, die bereit sein würden, bei dem Projekt mitzumachen. Und tatsächlich war ich extrem skeptisch, ob es uns überhaupt gelingen würde, Menschen zu finden, die sich in einer so existenziellen und entscheidenden Phase ihres Lebens filmen lassen. Weil viele der Referendare außerdem erst wenige Wochen vor Beginn des Referendariates erfuhren, ob sie teilnehmen durften, fand unsere Suche nach möglichen Protagonisten innerhalb kürzester Zeit statt. Ich verfasste einen langen Brief, in dem ich für das Filmprojekt warb. Diesen Brief durften wir den offiziellen Auswahlschreiben der Seminare beilegen und zu zwei verschiedenen Einstellungsterminen an knapp 600 angehende Lehrer verschicken. Völlig verblüfft waren wir dann darüber, dass sich in den kommenden Tagen tatsächlich fast 25 Leute bei uns meldeten. Der allererste war der spätere Protagonist Ralf. Er hatte den Brief noch keine fünf Minuten geöffnet gehabt, als er mich anrief. Die meisten Interessierten besuchte ich dann umgehend persönlich und zeichnete ganz direkt – ohne viel Vorgespräch - ein Interview mit ihnen auf.

Warum das?

Ich wollte, dass die Protagonisten zumindest eine Ahnung davon bekamen, was die Teilnahme an so einem Filmprojekt für sie bedeutet. Außerdem war mir wichtig, Menschen zu finden, die einen individuellen, reflektierten Blick auf das Thema Bildung und die Verantwortung, die ihre Arbeit mit sich bringt, haben. Ich wollte Menschen mit eigenem Standpunkt und Passion für den Beruf – keine Verirrten, die Lehramt aus Verlegenheit und Mangel an Alternativen studiert haben. In einem Film mit journalistischem, repräsentativem Ansatz hätte man so jemanden sicher gebraucht. Schließlich entspricht ein großer Teil angehender Lehrer genau diesem ernüchternden Bild. Mich hat das nicht interessiert. Mit knapp zehn Protagonisten begannen wir dann die Dreharbeiten. Wir wussten, dass wir eine größere Gruppe brauchten, weil es sehr viele Unsicherheiten gab: Wie würden die jeweiligen Lehrerkollegen, Schüler, Eltern, Seminarleiter, Mitreferendare der Protagonisten auf das Filmprojekt reagieren? Nur, wenn wir überall auf ein gewisses Maß an Akzeptanz stoßen würden, hatte der Dreh eine Chance. Außerdem mussten wir ja auch damit rechnen, dass Protagonisten das Projekt gegebenenfalls wieder abbrechen.

Ist das tatsächlich passiert?

Ja, in einem Fall. Eine Protagonistin, die wir über ein Jahr begleitet hatten, wurde von ihrem Schulleiter wegen ihrer Teilnahme an unserem Filmprojekt regelrecht gemobbt. Immer wieder bestellte er sie zu sich und erklärte ihr, er sei durch seine Vorgesetzten zwar angehalten, das Projekt offiziell zu unterstützen, sehe es selbst aber sehr kritisch. Er bewundere ihre Arroganz, sich zuzutrauen, neben den Herausforderungen des Referendariats auch noch in unserem Film mitzuwirken. Obwohl ihre Leistungen überdurchschnittlich gut waren, fühlte sie sich und ihre Ausbildung dadurch gefährdet. Schließlich kommt ein Teil der Benotung im Referendariat ja durch die Schulleiter. Obwohl er sie nie konkret zum Abbruch aufforderte, war klar, dass ihr die Mitwirkung schaden konnte. Deshalb beschlossen wir gemeinsam, mit dem Drehen aufzuhören. Insgesamt war ich überrascht, dass fast alle Vorbehalte dem Projekt gegenüber von denen kamen, die eigentlich am längeren Hebel saßen: So gab es gleich mehrere Seminarleiter, die nicht wollten, dass wir in ihren Seminaren und Unterrichtsbesuchen mit der Kamera dabei waren. Nicht aber, um unsere Protagonisten zu schützen, sondern aus einer großen eigenen Unsicherheit heraus. Sie machten sich Sorgen darum, zu stark von offiziellen Richtlinien für die Lehrerausbildung abzuweichen, Fehler zu machen, nicht den Erwartungen der Vorgesetzten zu entsprechen und sich damit Karrierechancen zu verbauen.

Was waren generell die größten Herausforderungen beim Dreh?

Mit am herausforderndsten war sicher, dass wir eigentlich ununterbrochen das Projekt erklären mussten. Weil unsere Protagonisten so unterschiedliche, sich ständig verändernde Welten streiften – Lehrerzimmer mit 60 Kollegen, mindestens drei verschiedene Seminargruppen voller Referendare und nicht zuletzt mehrere Schulklassen mit hunderten von Schülern und deren Eltern – gab es nie den Punkt, an dem irgendwann einmal alle Bescheid wussten. Es verging so gut wie kein Drehtag, an dem wir unseren Film nicht irgendjemandem erklären mussten. Drei Jahre lang haben wir eigentlich pausenlos für das Filmprojekt geworben. Die bürokratischen Herausforderungen waren ebenfalls groß. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, auf wie vielen Elternabenden, vor wie vielen Seminargruppen und Lehrerkollegien die Produzentin des Films und ich uns im Laufe der Drehzeit den Mund trocken redeten, weil tausende von Beteiligten vom Projekt überzeugt werden wollten. Vor allem bei unseren Drehs in den Schulklassen galt es dann, unser dort geäußertes großes Versprechen wahr zu machen, den Unterricht nicht im Geringsten zu stören. Nicht zuletzt davon hing ab, ob wir weitermachen durften. Wir arbeiteten deshalb in minimaler Besetzung mit einer sehr kleinen Kamera und standen meist am äußersten Rand der Klassenzimmer und bewegten uns so wenig wie möglich. Häufig mussten wir gegen unseren Instinkt arbeiten, mit der Kamera weiter ins Geschehen zu gehen und somit Distanz aufzugeben. Am schnellsten gewöhnten sich die Schüler an uns. Für unsere Protagonisten kam der Druck ohnehin von anderer Seite. Sie waren meist mit den Herausforderungen des Unterrichtens ausgelastet, sodass sie kaum Zeit hatten, unsere Kamera wahrzunehmen.

Warum, glaubst du, haben die Protagonisten sich überhaupt zur Teilnahme bereit erklärt?

Das waren tatsächlich sehr unterschiedliche Gründe. Allen ist gemeinsam, dass sie den Film nicht als Selbstzweck sahen, sondern als Impulsgeber für Diskussionen über den Zustand unseres Bildungssystems. Insbesondere Grundschullehrerin Anna hat immer wieder gesagt, dass sie selbst eigentlich überhaupt nicht gern im Mittelpunkt steht und sich selbst als eine Art Vehikel zur Verfügung stellen wollte, um mit ihren Augen hinter die Kulissen von Schule zu schauen. Für Katja spielte sicher auch eine Rolle, dass sie wusste, an was für eine schwierige Schule sie kommen würde. „Eine richtige Bombe war das für mich, als ich das gelesen habe“, hat sie mal gesagt. Und sie hatte große Angst, das nicht durchzustehen und vorzeitig abzubrechen. Mit dem Filmteam an ihrer Seite, so ihre Hoffnung, würde sie vielleicht länger durchhalten können, weil sie nicht vor Publikum scheitern wollte. Quasi eine Wette mit sich selbst. Für Ralf wiederum schloss sich mit dem Referendariat ja ein besonderer Kreis, weil er an die Institution zurückkam, an der er zuvor selbst als Schüler gescheitert war. Für ihn war es sicher auch eine Genugtuung, es jetzt, nach über zwanzig Jahren „geschafft“ zu haben und als Vorbild zeigen zu können, dass so ein Weg möglich ist.

Hat sich dein Blick auf das System verändert?

Als wir mit den Vorbereitungen begannen, lag meine eigene Schulzeit erst wenige Jahre zurück. Häufig, wenn wir Situationen filmten, in denen unsere Protagonisten mit den Schülern aneinandergerieten und mir hinterher im Interview ihr Leid klagten, ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass das gut auch ich hätte gewesen sein können, über den sie sich ärgerten. Ich glaube, ich bin ein ziemlich anstrengender Schüler gewesen. Ich habe ununterbrochen mit meinen Lehrern diskutiert, deren Methoden und Aufgabenstellungen hinterfragt und sie mit einem übersteigerten Gerechtigkeitsempfinden zur Weißglut gebracht. Insofern bin ich froh, dass mich meine Protagonisten als Filmemacher kennengelernt haben und nicht als Schüler. Während der Dreharbeiten bin ich dann selbst Vater geworden. Damit hat sich mein Interesse am System Schule verändert. Wenn mein Sohn in zwei Jahren eingeschult wird, werde ich ein „Co-Abhängiger“ sein. Mir machen Eltern von älteren Kindern jetzt schon Angst, wenn sie mir raten, die Zeit unbedingt noch zu genießen, bis die Kinder ins Schulalter kommen. Dann höre die Zeit der Unbeschwertheit abrupt auf und weiche dem großen Strampeln um einen der vorderen Plätze im Leben. Meine Protagonistin Anna, die ja ihrerseits Mutter zweier Schulkinder ist, stellte mal in einem der vielen Interviews fest, wie schlecht das für sie zu ertragen sei. Zu sehen, wie aus Erstklässlern, die vor Wissensdurst und Lust auf Lernen nur so strotzen, in kurzer Zeit Menschen werden, die Schule als Ort für Pflichterfüllung und notwendiges Übel sehen.

Wie haben die drei auf den Film reagiert?

Sie mochten ihn sehr. Bei unserer Weltpremiere beim DOK Festival Leipzig waren alle drei da und haben den Film zum ersten Mal gesehen. Ihre Reaktion hat uns als Team tatsächlich sehr berührt. Sie fühlen sich und die intensive Zeit ihrer Ausbildung gut repräsentiert. Tatsächlich geht es ja in den Szenen nicht selten auch ums persönliche Scheitern, verletzlich sein, nicht genügen, Zweifeln, Ringen mit dem eigenen Beruf. Ich bewundere die drei nach wie vor sehr dafür, wie offen sie sich mit all dem gezeigt haben und bin ihnen enorm dankbar. Auf der Bühne haben alle drei gesagt, dass sie hoffen, dass der Film kein Selbstzweck ist, sondern als Impuls dienen kann zum Streiten über den wichtigsten Rohstoff unserer Zeit, nämlich Bildung: Was ist die Aufgabe von Schule? Während der Dreharbeiten sind wir tatsächlich auf niemanden gestoßen, der gesagt hat: „Das System ist gut so wie es ist.“ Niemand! Egal ob Schulleiter, Ausbilder oder Eltern. Alle sind sich einig, dass Schule sich verändern muss. „Wie?“ ist die große Frage.

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